Wie Innovation nachhaltiger werden kann



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Nachgefragt bei Dr. Joël Luc Cachelin Wie Innovation nachhaltiger werden kann

Publiziert am 21.04.2021 Philippe Mettler, Digital Commerce Consultant, Post CH AG

Vieles, was als Innovation daherkommt, ist im Grunde Placebo-Innovation – es variiert nur das Alte, wie sich etwa bei der Weiterentwicklung von Smartphones zeigt. Nun aber offeriert die Pandemie die perfekte Gelegenheit, Innovation neu zu denken.

Joël Luc Cachelin begleitet und berät Unternehmen bei Fragen rund um zukünftige Entwicklungen und Innovation. Immer wieder analysiert und kommentiert er aktuelle Themen in Büchern und als Autor von Kolumnen und Blogs. In seinem neuesten Buch «Antikörper» beleuchtet er die Auswirkungen der Corona-Pandemie, die Frage, warum unsere Gesellschaft und Wirtschaft wenig resilient darauf reagiert und wie Innovation sein sollte, damit sie nachhaltigere Veränderungen unterstützen kann.

Die Corona-Pandemie hat viele Herausforderungen der heutigen Zeit (noch) offensichtlicher gemacht (bspw. die grosse Resonanz auf Verschwörungstheorien besonders in sozialen Medien, die Anfälligkeit unserer Wirtschaftskreisläufe, mangelnde Kompetenz vieler Behörden im Bereich der Digitalisierung usw.) Welches sind aus deiner Sicht, die wichtigsten Lehren, die wir aus der aktuellen Krise ziehen sollten?

Positiv betrachtet: Es wird gesellschaftsrelevante Innovation geben, die wir aus der Pandemie mitnehmen – zum Beispiel im Bereich neuer Impftechnologien, der Schnelltest oder beim Contact Tracing. Aufgrund des Ursprungs der Pandemie sollten wir aber auch unsere Ernährung und die Landwirtschaft neu denken. Mich besorgt, wie stark die Pandemie die Gesellschaft spaltet und wie schwer es uns fällt, durch einfache Verhaltensregeln das Virus zu kontrollieren. Offenbar haben wir als Gesellschaft zudem Mühe das Wissen von Expert*innen zu nutzen, vermutlich nicht nur in Krisen. Das deutet aber wiederum auf Innovationspotenziale im gesellschaftlichen Wissensmanagement hin.

Wie zuversichtlich bist du, dass wir längerfristig viel aus den letzten Monaten lernen?

Ehrlich gesagt bin ich nicht sehr zuversichtlich. Erstens haben wir strukturelle Probleme, die nicht gelöst sind, zum Beispiel in der Art und Weise, wie die obersten Führungsgremien zusammengestellt werden. Sie sind viel zu wenig divers. Daran hat Corona nichts geändert. Zweitens thematisieren wir die Pandemie nicht in ihren Ursachen. Viele wollen so schnell wie möglich in einen Normalzustand, den es eigentlich nicht mehr geben darf. Wir sprechen zu wenig über unsere Ernährung, zu wenig über den Schutz von Tieren, zu wenig über die Notwendigkeit von schützenden (Ur)wäldern. Wenn wir unseren Umgang mit der Umwelt nicht ändern, wird der nächste Virus, der vom Tier auf den Menschen überspringt, schon bald auftauchen. Und wir sehen drittens immer deutlicher, wie schwer sich die Schweiz mit digitaler Innovation tut. Ein digitale Mindset lässt sich aber ebenso wenig wie ein grünes Mindset befehlen oder von heute auf morgen herstellen.

Du weist auf die Problematik aktueller Innovationen hin. Wirkliche Innovationen sind, trotz grossem technischem Fortschritt, selten. Woran liegt das?

Wir denken zu kurzfristig und zu wenig zirkulär. Wir verbinden also nicht Vergangenheit und Zukunft, nicht Mensch und Tier, nicht Abfall und Ressource. Momentan beschäftige ich mich viel mit den Innovationen des Kalten Kriegs. Je länger ich das tue, desto mehr glaube ich, dass diese Art von Innovation, die auf die 1950er Jahre zurückgeht, zum Problem wird. Sie ist stark von naturbeherrschendem Denken geprägt. Es geht darum, einen Feind zu dominieren und schnell starkes Wachstum zu erzielen. Was wir heute aber brauchen ist ökologisches und kooperatives Denken. Sonst werden wir das Problem des Klimawandels oder auch der Antibiotika-Resistenzen erst sehr spät in den Griff bekommen.

Vielfach wird zudem den negativen Folgen von Innovationen kaum Beachtung geschenkt. So entsteht beispielsweise die übermässige Ausbeutung von knappen Ressourcen. Wie sollte sich Innovation aus deiner Sicht entwickeln, damit sie nachhaltiger wird?

Wir müssten einerseits die Folgewirkungen von Innovationen stärker thematisieren. Anderseits sollten wir zurück in die 1950er Jahre reisen, um zu prüfen, ob dort nicht alternative Wege in die Zukunft angelegt sind.

Was heisst das für die Unternehmen in der Schweiz? Hast du Ratschläge, die helfen den Innovationsprozess nachhaltiger, aber vielleicht weniger anfällig auf unerwartete Störungen (wie die Corona-Pandemie) zu gestalten?

Unternehmen könnten vermehrt kooperieren und auch gemeinsam Labs für ein besseres gesellschaftliches Immunsystem gründen. Es wäre sinnvoll, wenn Unternehmen neben der digitalen Transformation vermehrt die grüne, silbrige und vielleicht sogar die blaue Transformation bearbeiten – also Nachhaltigkeit, demographischer Wandel und Wasserknappheiten. Konkret kann ich mir vorstellen, dass Unternehmen ihre Mitarbeitenden auf Zeitreisen schicken, um sich weiterzuentwickeln – ins Jahre 2100 aber auch in die 1950ern, ins 19. Jahrhundert, in die Renaissance. Für diese Reflexionsarbeit braucht es mehr Lernzeit, aber auch neue Fähigkeiten, – zum Beispiele jene von Historiker*innen, Reisebegleiterinnen und Stadtführern, von Forstwirtinnen und Gentechnologen.

Dr. Joël Luc Cachelin

(1981) inspiriert und begleitetet Unternehmen in Zukunftsfragen. Vor zwölf Jahren gründete er dazu die Wissensfabrik. Studium, Promotion und Weiterbildung führten ihn an die Universitäten St. Gallen und Bern sowie an die HWZ Zürich. Der studierte Betriebswirt hat mehrere Sachbücher zur digitalen Transformation veröffentlicht.

Philippe Mettler – Interviewer

Philippe Mettler, Digital Commerce Consultant bei der Schweizerischen Post, verfügt langjährige Erfahrung in der Beratung und Projektumsetzung, insbesondere in den Bereichen E-Commerce, Web und PIM. Er besitzt umfangreiche praktische Kenntnisse mit Kunden aus verschiedensten Branchen. Mit diesem Wissen hilft er unseren Kunden sich im digitalen Reifegrad weiter zu entwickeln und erfolgreich im Digital Commerce zu agieren.

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