Warum gute Manager böse Dinge tun



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Business Ethics Warum gute Manager böse Dinge tun

Publiziert am 14.10.2020, Dr. Bettina Palazzo

Neulich unterhielt ich mich mit dem CEO eines Technologieunternehmens über die wunderbare neue Welt der Daten und Algorithmen. Begeistert erzählte er mir von seiner Reise nach China.

Er war fasziniert davon, dass er von seinem gemütlichen Sessel im Hochgeschwindigkeitszug aus sein Mittagessen via App bestellen konnte und er es dann im nächsten Bahnhof von einem Fahrradkurier direkt zu seinem Abteil geliefert bekam.

Offensichtlich verschwendete er nicht den Hauch eines Gedankens an die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen dieser Kuriere: prekäre Arbeitsverträge, gnadenlose algorithmusgetriebene Arbeitszeiten, keine Unfallversicherung.

Mein Gesprächspartner ist wegen seiner einseitigen Technikbegeisterung natürlich kein schlechter Mensch. Dieses Beispiel zeigt nur sehr deutlich, wie leicht die ethische Dimension aus unserem Blickwinkel verschwinden kann. Wir sind es nicht gewohnt, als Benutzer einer neuen und spannenden Technologie kritische Fragen zu stellen. Wir sehen meistens nur die glänzende und verführerische Oberfläche.

Ähnlich wie wir als Konsumenten die ethische Dimension leicht aus den Augen verlieren, ergeht es den Managern und Programmierern in den Unternehmen, die diese Produkte entwickeln: Sie sind oft so sehr auf die ökonomische und technologische Dimension ihres Handelns fokussiert, dass sie ethische Aspekte nicht wahrnehmen. Diese selektive Wahrnehmung ist nicht grundsätzlich schlecht. Wir können gar nicht anders! Wir sind jeden Moment unseres Lebens mit Millionen von Informationseinheiten konfrontiert, können aber nur einen geringen Bruchteil davon bewusst verarbeiten. Um hier nicht in unseren Entscheidungen gelähmt zu sein, brauchen wir mentale Abkürzungen und Filter. Leider sind diese Filter oft zu selektiv und lassen u. a. die Ethik von unserem Radar verschwinden. Das passiert besonders leicht, wenn ich z. B. als Programmierer oder Manager nie gelernt habe, die ethische Dimension meines Handelns von Anfang an mitzudenken, und wenn zudem alle in meinem Team die gleichen mentalen Filter haben.

Durch weitere Einflussfaktoren wie Zeit- und Leistungsdruck verengt sich dieser Filter weiter und wird zum Tunnelblick:

  • Mit dem Versprechen, durch Daten viel Geld zu verdienen, lässt sich fast jeder ethische Einspruch wegwischen.
  • Die meisten Informatikprodukte werden heute unter dem Motto «Fast and Cheap» entwickelt. Die Zeit, über mögliche ethische Kollateralschäden nachzudenken, nimmt man sich nicht.

Für eine digitale Ethik brauchen wir folglich Managementsysteme, die die ethische Dimension von Produkten, Projekten und Strategien von Anfang an berücksichtigen. Ethisches Nachrüsten ist aufwendig, erzeugt Kosten und Risiken und kann auch den entstandenen Reputations- und Vertrauensverlust nicht ausgleichen. Damit dieser «Ethics by Design»-Ansatz funktioniert, müssen Unternehmen in die ethische Kompetenz ihrer Managerinnen und Manager und Programmiererinnen und Programmierer investieren, es muss mehr Vielfalt in der Zusammensetzung der Teams geben und das Ansprechen ethischer Probleme im Unternehmen muss gewollt und gefördert werden.

Die Connecta kann leider nicht wie geplant durchgeführt werden. Dr. Bettina Palazzo wäre eine der 80 Referierenden gewesen. Mit Connecta TV, Dok und Talk wartet ein alternatives Programm auf Sie – Erfahren Sie mehr unter www.post.ch/connecta.

Dr. Bettina Palazzo

Dr. Bettina Palazzo forscht, unterrichtet und berät seit über 25 Jahren im Bereich Unternehmensethik. Mit ihrem Fokus auf den Grauzonen der ethischen Entscheidungsfindung und den psychologischen Ursachen von Fehlverhalten bringt sie frischen Wind in die Themen rund um Ethik, Compliance und Leadership. Ihr persönliches Motto: Es gibt nichts Gutes in einem schlechten System (Adorno).

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